SpellForce - JoWooD Productions



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  Die Konvokation Winterdrache Der Fluss der Seelen
  Ferner Donner Wächter im Berg - Teil 1 Wächter im Berg - Teil 2
  Die Lanze der Könige Der 6. Traum Exil
  Herbstlicht Das finstere Ufer

Die Konvokationback to top

„Wir wussten nicht...

So kämpften wir, bis der letzte Tag des alten Zeitalters angebrochen war. In sinnlosen Kriegen unter der Knechtschaft des Zirkels; ineinander verbissen, nicht ahnend, was über uns kommen sollte. Und als der Schatten über das Auge Aonirs fiel, warfen die Herrn der Elemente, geweckt vom Ruf der Dreizehn, den Bann des Gottes ab. Und die Urgewalten stürmten hervor und ihre uralte Schlacht um die Vorherrschaft fegte erneut über die Welt, so wie sie es vor Anbeginn der Zeit einst getan hatte.

Achtlos zerschmetterten die Elemente das Antlitz der Welt in ihrem Wüten und Toben. Und die Erde zerbarst und ihr glühendes Blut floss in Strömen über das Land. Lanzen aus Feuer schossen meilenhoch in den Himmel; hinauf zum Mahlstrom schwarzer Wolken, die den Horizont verschluckten. Stürme aus Asche und Gift rissen selbst Berge aus ihren Wurzeln hoch in den Himmel und zermalmten sie mit ihrer Kraft zu Staub. Und die kochenden Ozeane warfen sich brüllend an die Ufer und fraßen gierig das Land.

Einen Tag und eine Nacht wüteten die Elemente, bis der Schatten vorübergezogen war. Dann schlug der Bann sie nieder, wie es schon einmal geschehen war, und Stille kehrte ein.

Nur wenige von uns hatten Schutz bei den Steinen gefunden. Wir lagen danieder; manche flehten, manche fluchten auf die Grausamkeit der Götter, die dies hatten geschehen lassen. Doch wir waren blind... denn wir hatten es selbst getan.

Denn wir wussten nicht..."

Ishtar Magnus „Die dunkelste Stunde“




Winterdracheback to top

Viele hundert Generationen bevor die ersten Menschen die Windwallberge herabsteigen sollten herrschten die Drachen über das Land. Sie zogen frei durch die Lüfte über Fiara, ihre Macht und Wildheit war noch ungebrochen und ihre Freiheit ungetrübt. In jener Zeit der Drachen begab es sich, dass ein einziger weißer Drache geboren wurde; aus einem verlassenen Horst über der Godemark schwang er sich in die Lüfte und unter dem Schlag seiner Schwingen gefror das Land. Sein Panzer war von reinstem, blendendem Weiß, seine Augen blickten kalt und klar wie die Wintersonne und sein Atem trug ewigen Frost. Kein anderer Drache kam ihm gleich an Macht und Größe, denn er war die Essenz des Winters. Seine Brüder und Schwestern flohen seine Nähe und dort wo er sich niederließ gefror das Land und ein Panzer aus Eis zog sich über Fiara, wo auch immer er verweilt hatte. Man hieß ihn Aryn, den Frostweber.

Doch so groß seine Macht auch war, so leer und einsam war sein Herz. Denn nichts Lebendes konnte in seiner Nähe bestehen, nur Kälte und Tod waren seine beständigen Begleiter. Suchend durchstreifte er das Land nach Gefährten, doch alles floh ihn und je mehr er suchte, um so mehr Leid brachte er über die Welt. Bald würde sich Fiara mit Eis bedecken und in endlosem Winter erstarren, sollte er weiter die Himmel durchziehen. Doch er gab seine Suche nicht auf.

Jahre vergingen und Fiara starb mehr und mehr unter dem Schlag seiner weißen Schwingen. Seine Suche führte ihn auch zum Rande des gewaltigen Waldes im Süden Fiaras, den die Elfen den Finon Mir nennen. Als Raureif, der Bote seines Kommens, die Kronen der Bäume zu bedecken begann, versammelte sich das zu jener Zeit noch junge Volk der Elfen und fragte sich, was es gegen die Macht des Forstwebers ausrichten könne. Doch kein Kind des Waldes wusste Rat, denn niemand kannte die Gründe Aryns, noch besaß jemand von ihnen genug Macht, um sich ihm zu stellen. So riefen sie ihre archaischen Götter an und hofften auf Rat, doch die Götter schwiegen. Als bereits Schnee durch die Zweige der alten Baumriesen fiel, brach Cenwen, eine der fünf Herrscherinnen des Waldes, alleine auf, um sich dem Drachen zu stellen. Während die anderen ihres Volkes angsterfüllt nach Süden flohen, schritt sie ohne Angst aus dem Schutz des Waldes und wanderte über die erstarrten Ebenen, um den Drachen des Winters zu finden.

Die Kälte fraß sich in ihre Glieder und Eis und Tod spannten sich um sie bis zum Horizont. Je näher sie dem Drachen kam, um so grausamer wurde die Kälte und alsbald spürte Cenwen ihr Bewusstsein schwinden. Um nicht in todbringenden Schlaf zu verfallen, hob sie die Stimme und begann zu singen. Sie sang von Zuversicht, Geborgenheit und Wärme, wie man es an den Feuern in Finon Mir schon immer getan hatte.

Aryn vernahm ihre Stimme in der Ferne und glitt aus dem Himmel hernieder, um den Ursprung des Gesangs zu schauen. Da sah er die Elfe im Schnee knien, kraftlos und dem Tode nah; doch unbeirrt sang sie mit ihren reinen Stimme und trotzte der Macht des Frosts. Da ließ sich der Winterdrache nieder und senkte das Haupt, denn nie hatte er etwas schöneres vernommen. Nun hielt die Elfenkönigin in ihrem Gesang inne und rief den Drachen an:
„Höre mich, oh größter und mächtigster aller Drachen! Höre mich, Bote des Winters und des Todes! Dein Nahen lässt das Land erstarren und endet alles Leben. Die alten Wälder werden unter dir zu Eis erstarren und mein Volk wird mit ihnen sterben, solltest du deinen Pfad nicht ändern. Was verlangst du? Was kann den Frostweber besänftigen und mein Volk retten?“ Da erhob Aryn das Haupt und der kalte Glanz seiner Augen durchdrang Cenwens Herz wie ein eisiger Dolch.

„Wisse, Kind des Waldes, dass ich seit Anbeginn meiner Tage nur jene suche, dir mir gleichwertig sind. Doch ich sehe wie alles stirbt und ich nur Leid bringe über die Welt. Ich werde zu den Gefilden meiner Heimat zurückkehren und dort, in den einsamen Bergen, dass Ende der Zeit abwarten.

Jedoch nur unter einer Bedingung soll dein Volk verschont bleiben! Du sollst mich begleiten. Du hast es als einzige gewagt mich zu schauen und dein Gesang hat mein Herz berührt. Begleite mich unter den Berg und singe dort für uns - und dein Volk wird verschont bleiben.“

Cenwen erhob ihr Haupt und blickte den Frostbringer lange an.
„Ich bin dein, Frostweber! Nimm mich mit dir in den Norden und ich werde mit der Kraft meiner Hoffnung unser beider Herz erwärmen, solange ich bin. Nur verschone mein Volk!“ Da ergriff sie der Drache und schwang sich mit ihr in die Lüfte.

„Wohl gewählt! Sollten alle deines Volkes solchen Mut mit dir teilen, seid ihr führwahr würdig zu leben. Wird dein Volk jemals in Bedrängnis geraten, so sollen sie mich anrufen und meine Macht wird die ihre sein. Dies soll Teil unseres Handels werden, auf das ich ihnen etwas gleichen Wertes gebe, für das, was ich nehme. Nie wird der Frost sie verderben können und die Macht des Eises soll die ihre sein, solange sie deiner gedenken.“

So sprach der Winterdrache und schwang sich nach Norden, zurück zu den unwirtlichen Bergen weit jenseits der Grimwargzacken. Dort ließ er sich nieder und während die Elfe für sie beide sang, schuf er einen schützenden Panzer aus Eis über ihnen, um sie für alle Zeiten vor der Welt und die Welt vor ihm zu bewahren.

Heute kündet nur noch der gewaltige Gletscher, den man den Frostweber nennt, von jenem Handel zwischen den Elfen und dem mächtigsten aller Drachen. Unter den Menschen und Zwergen sagt man sich, dass man dort oben, in eisiger Einsamkeit, manchmal noch den Klang von Cenwens reiner Stimme hören kann.

Aber nur die Kinder Cenwens und Geweihten Aryns wissen, dass der Winterdrache noch immer lebt und ihnen seine Macht schenkt, während er tief unter dem Eis dem Gesang der Elfe lauscht.

Eleyna Songweaver „Der Anbeginn der Zeit“




Der Fluss der Seelenback to top

Es war dämmerig geworden, als ich wieder erwachte. Die Schwaden aus den Rauchkräutern zogen wie Phantome durch das Zwielicht meiner Kammer. Meine schmerzenden Augen wanderten zum Rund des Fensters, durch welches sich eben das Glutrot der Abendsonne in die Kemnate ergoss. Die Zeit zwischen den Zeiten, zwischen Tag und Nacht, war angebrochen. Man sagt, in diesem Augenblick liegen die Welten der Lebenden, der Toten und der Geister am nächsten beieinander. Dies ist die Zeit, in welcher Hirin, der Götterbote die Seelen der Verstorbenen auf die andere Seite führt. Da vernahm ich das Donnern von Hufen und von neuem stürzte ich hinab in den Abgrund düsterer Träume.

Ich blickte auf graues Land. Der Himmel war schwarz von dunklen Wolken und das Licht aschfahl. Weder die Sonne war zu sehen, noch Mond, noch Sternenzelt. Wie verhaftet schien die Zeit an diesem unseligen Ort und drückende Stille lag wie ein staubiges Tuch über all dem. Soweit mein Auge reichte, erstreckte sich graue Wüstenei und mir wurde gewahr, dass ich das Niemandsland schaute, welches sich zwischen Tod und Leben erstreckt. Mein Herz wurde mir schwer wie Blei in der Brust und Verzweiflung schien mich erdrücken zu wollen, denn keine Hoffnung kann dort bestehen.
Dann vernahm ich das Schnauben eines Pferdes inmitten der fahlen Stille. Ich wandte mich um und versuchte zum Ursprung jenes Geräusches zu gelangen, hoffend auf ein Zeichen, einen Ausweg aus jenem schrecklichen Traum. Mit Füßen schwer und taub wie Stein, schlich ich mühsam durch den grauen Staub. Fein wie Asche stieg er langsam unter meinen Schritten auf und ich schmeckte in der Luft die trockene Essenz gemahlenem Gebeins.
So gelangte ich schließlich zu einem Tale, welches wie eine Wunde das graue Antlitz des Aschelandes durchzog. Vom Grunde jenen Tales drang ein Murmeln und Wispern zu mir herauf, mal wie Wasser über Stein, mal wie tausend und abertausend Stimmen, raunend, flüsternd. So wurde ich gewahr, dass ich auf den Mor Duine blickte, den Fluss der Seelen, der dort unten im Tale seinen Lauf nahm. Vom Beginn der Zeit bis zu ihrem Niedergang zieht sich der Mor Duine zwischen den Welten dahin und mit ihm reisen unsere Seelen bis zum Ende aller Tage. Sein Wasser ward wie Silber und zog im fahlen Licht mit kaltem Glanz dahin bis es dem Blick entschwand. Dort unten sah ich auch den Ursprung des Lautes, der mich hierher geführt hatte.

Der Bote der Götter hatte sein schwarzes Pferd bis zum Rande des Flusses gelenkt. Hinter ihm, am Ufer, harrten die Schemen der Verstorbenen auf seinen Wink; eine Heerschar grauer Schatten, kaum auszumachen im fahlen Lichte. Dann schritt das Reittier voran und senkte seine Hufe ins Wasser des Flusses, welches sie murmelnd umschloss. Nun folgten die ersten der Seelen, hinein in die silbrige Flut. Immer weiter schritten sie, an dem Boten vorbei, ins Wasser, bis sie darin versunken waren. Still und Ehrfurcht gebietend war ihre Prozession und in jenem Augenblick wurde mir bewusst, dass es keine Halle der Toten gibt, kein Garten der Freuden für die Auserwählten, nur den Fluss, in dessen silbrige Fluten all das wieder zurückkehrt, was ihnen einst entnommen worden war. So trägt der Mor Duine unsere Seelen, bis eine neue Zeit und ein neues Leben für sie bereit steht.

Da wurde ich einiger der Schemen gewahr, die nicht ins Wasser schritten, sondern davor zurückwichen, ja sich umdrehten oder niederkauerten. Ich sah ihre Gesichter, schemenhaft, von Angst und Hass verzerrt, wie sie sich abwandten von ihrem Schicksal und fort krochen, ziellos und blind. Die Mähre des Boten schnaubte, warf die Mähne aus schwarzem Feuer, ihre Hufe zerstampften das Wasser zu Qualm und der Arm des Gottes wies gebietend auf den Fluss hinaus. Doch die Narren krochen weiter, hinfort von ihrem Schicksal und dem Gebot der Götter, von Feigheit und Stumpfsinn getrieben. Schließlich wandte sich der Bote voll Abscheu fort und sein Pferd stieg den aschfahlen Hang hinauf.
Kaum war der Gott entschwunden, wurde ich der anderen gewahr, hunderte, ja tausende, wie sie nun an den Ufern des Flusses näher kamen. Verborgen hatten sie sich vor dem Boten und dessen Zorn, doch nun kamen sie, um ihre neuen Genossen willkommen zu heißen. Sie zogen an mir vorüber, Zerrbilder, Schemen, kriechend und schleichend. Und all ihre Hoffnungslosigkeit brandete über mich, all ihre Trauer, ihre Angst und ihr unbändiger Hass auf das Leben, das ihnen verwehrt blieb und die Ordnung, der sie sich nicht unterwerfen wollten. Hier, an den Ufern des Flusses, waren sie zu Ausgestoßenen geworden, zu Gefangenen ihrer eigenen Ängste und Wünsche, denen sie nun bis in Ewigkeit ausgesetzt bleiben. So gibt es doch ein Reich der Toten, ein Ort an dem sie sich auf ewig in ihrem unsterblichen Leide suhlen, hier an den Ufern des Mor Duine ist ihr Platz. Schon kamen sie auf mich zu; wie Tiere krochen sie näher und ihr Hass wehte mir entgegen wie ein giftiger Hauch. Ich erblickte ihre verzerrten Fratzen und ward starr vor Angst. Kein Lebender kann erfassen, welch abgrundtiefer Hass in jenen wohnt, die an diesem Ort, in jenem Reich des Todes gefangen sind.
Da erklang das Donnern von Hufen und erneut riss mich der Bote mit sich, hinaus aus jenem Traum und zurück in das Zwielicht meiner Kammer. Nur das Rauschen des Mor Duine klang noch in meinem Kopf, das Murmeln, Flüstern und Raunen des endlos dahin fließenden Stromes.

Ishtar Magnus „Sieben Träume“



Ferner Donnerback to top

Er kam aus einer Baumgruppe direkt vor uns und blieb witternd stehen.

Es war in diesem Augenblick, als der Tag für mich begann. Der Aufbruch in Finsternis, das schier endlose Stolpern hinab über verschneite Felshänge und frostiges Marschland waren wie ein schlechter Traum an mir vorübergezogen. Nun war ich mit einem Schlage hellwach und schärfte schuldbewusst meine Sinne.

Um uns herum lagen die Frostmarschen in der morgendlichen Sonne. Raureif zierte die braunen Heidegräser und glitzerte im rotgoldenen Sonnenlicht. Bündel fahlgelben Schilfes kauerten sich an den Rändern gefrorener Tümpel aneinander, während sich knorrige, kahle Bäume wie magere Klauen gen Himmel reckten. Vom Osten her drang das Singen des Windes an unser Ohr, der über den gezackten Rand des Frostwebers strich. Er trug den eisigen Hauch des großen Gletschers zu uns und ließ Schwaden feinen Schnees von der steilen Wand des eisigen Kolosses über die Marschen ziehen. Der scharfkantige Abschluss des Gletschers stand wie eine titanisch Wehr aus Eis vor uns im Osten und versperrte den Blick ins Land der Feinde. Graue Wolken zogen eben mit dem Ostwind über der eisigen Klippe auf und türmten sich wie eine dunkle Festung jenseits des gleißenden Walles.

Er bewegte sich wieder, ging leicht in die Hocke und ließ den Blick über das Umland wandern, sein dampfender Atem ging in schneller Folge. Gleich würde er wieder hinter den Büschen verschwunden sein, dachte ich mir. Meine klammen Finger tasteten nach dem Holz des Bogens, der vor mir auf ein paar Steinen lag. Als ich eben den Schaft ergriff spürte ich Galads Hand auf meiner Schulter. Der utranische Schütze übertraf mich bei weitem an Alter und Erfahrung und auch diesmal hatte sich der scharfsinnige Waldläufer nicht geirrt, als nur wenige Atemzüge später drei weitere Späher vor uns aus dem Gebüsch traten. Eine Bewegung meinerseits hätte uns beide in den Tod geführt. So blieb ich starr liegen und musterte die vier Gestalten, die sich lautlos durch Zeichen verständigten.

Hochgewachsene Orks waren es, stämmig und mit matter, dunkler Haut. Ihre Bewegungen blieben knapp und geschmeidig, wenig hatten sie mit den tumben Grünhäuten der Grarg gemeinsam, die ich aus meiner Heimat kannte. Die Utraner hießen sie Bergorks, sie selbst nannten sich die Sharok.

Die Späher hatten einen Halbkreis um die Baumgruppe gebildet und schienen uns nicht bemerkt zu haben. Nun gab es hörbare Bewegung hinter den Bäumen und weitere Orks kamen hervor, diesmal weniger um Heimlichkeit bemüht. Wie Wölfe kamen sie hintereinander aus dem Geäst hervor und begannen sich zu verteilen.
Ich zählte nicht weniger als zwölf, ihre Körper mit Farbe und Tierblut beschmiert, Speere und Keulen in den knorrigen Fäusten. Sie zogen einen engern Halbkreis um die Baumgruppe und ließen sich auf ihre Fersen hernieder, ihre roten Augen funkelten wie Glimmkohlen durch das Buschwerk. Mit schnellem Atem sogen sie gierig die kalte Luft ein, nach Beute witternd. Ich bemerkte wie Galad neben mir erstarrte und alsbald traten die Führer der kleinen Gruppe aus den Bäumen. Zunächst kam ein hochgewachsener Krieger in der schwarzen Eisenbrünne eines Veterans. Er verhielt in der Mitte seiner Männer, sein Atem ging ruhig und in großen Zügen stiegen die Schwaden von seinem halboffenen Maule auf. Er raunte Anweisungen in der knurrenden Sprache der schwarzen Diener und wie Hunde befolgten sie seine Befehle, krochen weiter auseinander, um für den zweiten Neuankömmling Platz zu machen.
Der Schamane wirkte klein neben dem gepanzerten Hünen, aber von ihm wehte jene Aura der Bosheit und Mordlust zu uns, wie sie nur ein wahrer Diener Zarachs besitzt. Keiner der anderen Orks blickte ihn an und der günstige Wind trug den Geruch ihrer Angst zu uns. Sie duckten sich ins Gras und selbst der Gepanzerte wandte den Blick von der behängten Gestalt. Nun zerrte der Schamane etwas aus dem Geäst, zuerst nur ein blonder Haarschopf, dann war ein ganzer Mensch zu erkennen. Dunhil aus der ersten Gruppe war mit zwei schweren Stricken um den Leib verschnürt und sein Mund dick mit Leder verknebelt. Sie hatten sich eine Stunde vor uns in Marsch gesetzt, um das Gebiet nördlich des Eistores auszuspähen. Wie es schien, hatte das Glück sie nicht begleitet.
Der Schamane sah sich um, blickte zum Rund der knorrigen Bäume auf und nickte scheinbar zufrieden. Er stieß den Gefangenen zu Boden und kniete sich neben ihn.
Mit grollendem Singsang begann er eiserne Stacheln aus seinem Gürtel zu ziehen und rammte sie ins dunkle Erdreich. Wir sahen die Münder der anderen still den Gesang des Zauberers nachformen, wie ein oft gehörtes Gebet. Der Schamane riss nun den armen Dunhil vom Boden hoch und stieß ihn nach unten in die gepflanzten Eisen. Es gelang dem geschwächten Späher wohl noch seinen Fall mit den Knien zu abzufangen, aber die eisernen Dornen fuhren ihm doch einen Zoll tief ins Fleisch. Ich wäre beinahe aufgefahren, doch wieder zwang mich Galads Hand zur Ruhe. Der Utraner begann nun, sich langsam rückwärts zu bewegen, Elle für Elle durch das stachelige Buschwerk, fort von den Orks und ihrem Opfer.
Während das Blut des treuen Dunhil die Erde zu netzen begann, hob der Zauberer nun seine Stimme und seine glimmenden Augen brannten von Wahn. Ich verstand damals nur wenig von der schwarzen Zunge, aber ich konnte dennoch hören wie er die uralten Geister dieses Ortes anrief, ihre Macht und ihren Schutz für die Schlacht erbat, im Austausch für das Opfer.

Mit einem Mal schien die Luft übel und schwer zu werden, kalter Wind fuhr durch die klappernden Zweige der Bäume. Die Pranke des Sharok fuhr nach unten und packte den Schopf des sterbenden Spähers, zerrte seinen Kopf nach oben als der Schamane erneut die Stimme hob. Laut rief er nun den Blutgott an, seine Hand zerrte aus dem Gürtel die eiserne Klaue Zarachs, den Fünfklingendolch, gebogen und verwachsen wie Wurzelwerk. Er reckte sie empor zum Himmel und erbat den Segen des Bluttrinkers. Sein Gefolge fauchte und knurrte unterdes, aufgepeitscht durch die bevorstehende Bluttat. Ihr gieriger Atem dampfte aus verzerrten Mäulern und zog als fauliger Gestank über unser Versteck. Galad rückte nun schneller fort, doch ich starrte wie gebannt auf das Ritual.
Da erscholl ein Donnern aus den Himmeln und der Grund erbebte, als wäre der alte Blutgott selbst in gieriger Erwartung erschauert. Die schwarzen Wolken quollen schneller und schneller, wie ein Pesthauch, über den Rand des Gletschers und das Licht des jungen Tages ergraute. Der geifernde Schamane packte die eiserne Klaue nun fester und schickte sich an damit die Kehle des Jungen aufzureißen.
War ich bislang starr vor Angst, so nahm nun etwas anders von mir Besitz. Heute durchfährt es mich noch voll Scham, gedenke ich meines törichten Werkes an jenem düsteren Morgen. Wie im Traum erhob ich mich trotz Galads mahnendem Griff, meine Hand um den Bogen aus Eibenholz. Mit klammen Fingern ergriff ich Pfeil und Sehne und schoss dem geifernden Zauberer geradewegs in den Schädel.
Die Orks erstarrten und ihre Gebete stockten, um bald darauf zornigem Geschrei Platz zu machen. Schon sprang der gepanzerte Veteran über die Köpfe seiner geduckten Gesellen und donnerte wie ein eherner Bulle auf mich zu. Wie gebannt starrte ich dem nahenden Unheil reglos entgegen. Sein gezackter Säbel schwang aus, um meinen Kopf zu spalten, als ein utranischer Pfeil dem Ork knapp über dem Kürass in den Hals fuhr. Er schlug hin und schrammte sterbend bis vor meine Füße. Seine Augen glimmten mit ungestilltem Blutdurst zu mir empor und brachen als er endlich verendete.
Mit viehischem Gebrüll sprangen die anderen Orks auf und packten ihre Waffen.
„Lauf, du Narr!“.
Galads Stimme zerriss meine Starre und ich wandte mich um und lief. Ein weiterer Pfeil vom Bogen des Utraners rauschte an mir vorbei und auf einen dumpfen Aufprall folgte ein gurgelnder Schrei.

„Lauf was du kannst! Bring Meldung ins Lager, sag ihnen, sie kommen!“.
Wieder sang der Bogen. Ich lief nach Westen, stolpernd, strauchelnd über den heimtückischen Untergrund, den rettenden Hängen der Wehrspitz zu. Das Geschrei der Orks schwoll immer mehr an und nun sah ich sie rechts und links von mir durch das Buschwerk kommen. Aus Nord und Süd erklangen jetzt heisere Orkschreie und eine ganze Armee erhob sich um mich in den Marschen. Wie eine Welle wogten sie auf, ein Meer von massigen Gestalten, die nun alle Heimlichkeit abwarfen und mit gierigem Gebrüll hinzu stürzten, Beute und Blut witternd. Knurrend und geifernd begannen die Orks mir nachzusetzen. Jetzt erklangen die ersten ihrer Kriegstrommeln, lauter als das Grollen des nahenden Gewitters.
Ihr markerschütterndes Donnern brandete über die Marschen und trieb mich weiter, wie ein Herbstblatt vor dem Sturme. Da öffnete der dunkle Himmel seine Pforten und eisiger Regen ergoss sich aus den grauen Wolkenbergen, welche der Armee aus dem Osten gefolgt waren. Durch eisigen Wind und Hagel taumelte ich weiter und so wie diese mein Fortkommen behinderten, so verbargen sie mich doch auch vor den witternden Sinnen der Orks hinter mir. Ich lief und lief, weinte der Kälte und meiner schmerzenden Beine wegen, doch auch um Galads Leben mit dem er das meine bezahlt hatte.

Der Eisregen endete erst, als meine Stiefel bereits Fels unter sich hatten und die lichter werdenden Wolken gaben den Blick zum drohenden Felsdorn der Wehrspitz frei. Am Fuße des Felsmassivs konnte ich eben über einer Kar das Schildbanner der Utraner erkennen und der Wächter auf dem Vorposten gab bereits Signal zum Hauptlager. Nun, nahe dem rettenden Schutzwall, verhielt ich meinen Schritt und wandte mich zum ersten mal in Richtung des Tales um. Meiner Nachricht bedurfte es nicht mehr, denn die Fackeln und Feuer, welche die aufziehende Orkarmee nach dem Gewitter entzündet hatte, waren bereits von hier aus zu sehen. Durch Wolken und Dunst bildeten sie ein Band roter Glut am östlichen Horizont. Die Sharok waren durch das Eistor gekommen, morgen würde der Blutgott ein Festmahl halten.
Und über all dem lag beständig der mächtige Schlag ihrer Trommeln, der verheißend wie ferner Donner aus dem Osten zu uns hinauf rollte.

Angar Arandir „Dreißig Tage an der Grenze“



Wächter im Berg - Teil 1back to top

„Ist das die Brücke?“.
Für einen Moment verhielt ich den Schritt und genoss meine kleine Einsamkeit. Vor mir öffnete sich eine weite Schlucht und ließ dem Blick freien Flug auf die schneebedeckten Fänge des westlichen Windwallgebirges. Soweit mein Auge reichte, zogen sich die Gipfel wie ein wogender Ozean aus Fels, mit der Gischt ewigen Schnees bedeckt, erstarrt für das flüchtige Auge des Sterblichen. Zerrissene Wolken trieben vor stahlblauem Himmel die gewaltigen Berge entlang und warfen ihre faserigen Schatten auf makellose Schneefelder.
Knirschende Stiefel im Schnee hinter mir kündeten vom Ende meiner kleinen Rast.

„Welche anderen Brücken glaubst du an solch verlassenen Orten zu finden, Mensch?“.
Skjalf stapfte unter dem Gewicht seines Rucksacks und seiner unzählbaren Äxte zu mir herauf. Nicht dass den Zwerg seine Last zu behindern schien. Tatsächlich hatten wir in den letzten Tagen gelernt, dass ihm wohl kaum jemals etwas zusetzten konnte. Er warf mir im Vorübergehen einen spöttischen Blick zu und begann, den letzten Abhang hinab zu steigen, hinunter zu der Brücke, nach der wir nun schon seit Tagen gesucht hatten.
Als ein schmales Band geformten Felsens zog sie sich über die dunkle Tiefe der Schlucht. Schlank und grazil wirkten ihre geschwungenen Pfeiler, die in dem Schwindel erregenden Abgrund verschwanden. Fürwahr, ein solch wahnwitziges Bauwerk erinnerte an die Pracht des einstigen Imperiums und an die Kunstfertigkeit des Zwergen, der sie geschaffen hatte und dessen Nachfahre nun vor uns den Abhang hinunter stieg.

Jetzt kamen die anderen an mir vorbei, in ihren Minen ließ Erschöpfung wenig Platz für Spott oder Erstaunen. Caele, deren roter Schopf es immer irgendwie zuwege brachte, eine Strähne aus dem Gefängnis ihrer Haarbänder zu befreien und spöttisch in ihr Gesicht zu wirbeln, wickelte ruhig das Holz ihres ungespannten Langbogens aus den Fellen, während sie bedächtig an mir vorbei in Richtung Tale schritt. Joshua, auf dessen Antlitz noch immer der gleichen angewiderten Ausdruck lag, wie vor Tagen, als er zum ersten Mal einen Stiefel auf Schnee gesetzt hatte, streifte die Handschuhe von seinen grazilen Fingern und stocherte Schnee und Eisreste von Säbel und Bolzenkasten, während er Caele leise fluchend folgte. Gunthar war der letzte, den blanken Schädel trotz der Kälte frei und die schweren Arme über den Schaft der großen Axt gehakt, die in seinem Nacken lag. Der Blick des Hünen streifte mich kurz mit einem Rollen der dunklen Augen, bevor er den anderen durch den Schnee hinterher stapfte. In der Tat hatten wir uns alle in den vergangenen Tagen schon mehrfach verflucht, so leicht dem Gold und den starken Worten des Zwergen verfallen zu sein. Dies war kein Ort für Menschen. Aber wenigstens waren wir dem Krieg für eine Weile entronnen.
Ich nahm das Schild vom Rücken und folgte den anderen hinunter zur feinen Linie der alten Brücke.

Auf dem kaum eine Mannslänge breiten Felsband schritten wir über den dunklen Abgrund, dessen unerschöpfliche Tiefe uns mit eisigem Atem angähnte. Wohl über fünfhundert Schritt weit spannte sich die Brücke zu einem schneebedeckten Hang, der zwischen den schroffen Klippen einer Steilwand im Westen zu sehen war. Kein anderer Weg außer diesem schmalen Band aus Stein erlaubte den Zutritt zu dem weißen Aufgang, der sich inmitten senkrechter Felsen öffnete. Ein Tor zu dem unbekannten Berg, den wir ersteigen sollten.
Keine Falle und keine uralten Zauber, vor denen Skjalf uns gewarnt hatte, behinderten unseren Vormarsch und unbehelligt, wenn auch vom Wind klamm und starr, erreichten wir die andere Seite der Brücke. Unsere Stiefel gruben sich in unberührten Schnee und kalte Luft trug die Laute weit und scharf über die glitzernde Fläche des steilen Hanges. Glatt und rein erstreckte er sich vor uns, bis hinauf zum schwelenden Dunst der Wolken; Schneewehen zogen wie Geister der Zeit über sein gleißendes Antlitz. Nichts Lebendes schien je seinen Fuß hier hingesetzt zu haben.
„Wollen wir mit blanken Waffen etwa den ganzen Berg hinauf steigen? Hier ist doch niemand...“
„Nicht den ganzen Berg. Schau!“
Skjalfs gepanzerte Hand deutete hinauf und mein halbherziger Protest verstummte. Mit jedem Schritt den Hang empor wuchs nun der gewaltige Schemen der Grabstätte aus dem Nebel der Wolkendecke vor uns. Aus dem blanken Fels am Ende des Schneefeldes hatte Skjalfs Urahn ein titanisches Tor geformt, schlank und hoch, gesäumt von einer Wehrmauer aus Statuen, die mit gestrengem Blick aus steintoten Augen Einhalt geboten. In Ehrfurcht schweigend blickten wir zu dem schlanken Felstor auf, das vom feinen Nebel der Wolken verhangen weit entfernt und gewaltig wie der Berg selbst schien. Skjalf beschleunigte seinen Schritt, während er voranging.

„Dies ist das Grab von Torgen, dem letzten der Drachentöter. Es wurde von Urgrim, dem größten Baumeister der Zwerge für ihn geschaffen. Viele Jahre und viele Leben kostete der Bau und am Ende auch das des Baumeisters selbst.“
Dunkler Grimm klang in der Stimme des Zwergen.
„Urgrim hat diesen Ort nie mehr verlassen.“
„Was ist denn nun dieser Lördir, den ihr von dort haben wollt? Ein Erbstück?“
Caele versuchte vergebens eine Haarsträhne aus dem frostgebrannten Gesicht zu schütteln, und ihr heller Blick stach misstrauisch in den gepanzerten Rücken des gleichmäßig ausschreitenden Zwergs.
„Wie sieht er aus? Sagt uns wenigstens das!“
Unbeirrt schritt der Zwerg voran, nur scheinbar gedankenlos griff seine Hand nach hinten und prüfte den Sitz der schweren Doppelaxt unter seinem Gepäck. Ihr Gewichte musste das von Gunthars Waffe um ein Dreifaches überschreiten und keiner von uns ahnte, aus welchem Grund er sie bis hierher, in die frostigen Gipfel der Windwälle, getragen hatte.
„Das erfahrt ihr schon noch. Immer frisch voran!“.

Bergauf kämpften wir uns durch knietiefen Schnee. Unser schneller Atem zog in weißen Fahnen gen Norden, während wir mit müden Beinen durch das weiße Meer wateten, immer weiter hinauf, bis wir endlich flacheres Gelände erreichten. Das Tor lag nun schon nah und rechts und links von uns hoben sich die Statuen gefallener Drachenkämpfer aus dem Weiß in den Himmel. Die Sonne sank eben dem Horizont entgegen und zog rotgoldene Streifen über Felsgrate und Skulpturen, als wir im blauen Schatten des Berges auf die Grabstätte zuschritten. Um uns fanden sich nun zahllose kleinere Monumente, einige von ihnen durch Schneewehen unkenntlich, andere zeigten fauchende Drachen und kämpfende Dämonen. Ein versteinerter Krieg, hier im ewigen Schnee. Der Wind fuhr in Wirbeln zwischen den starren Kreaturen hindurch und sang durch ihre steinernen Krallen und Fängen mit vielfacher Stimme seinen fernen, unwirklichen Chorus.
Unser Schritt wurde langsamer.
Wie ein Schleier legte sich die Bedrohlichkeit dieses Ortes über uns. Selbst der Zwerg schritt nun bedächtig, die gepanzerte Faust an einer Axt im Gürtel. Plötzlich sog Joshua scharf den Atem ein und wir folgten seinem Blick zum Berg. Nur noch weinige Schritte trennten uns vom Tor und dort war der Schnee aufgewühlt, ja sogar weggeschafft. Knochen lagen verstreut, die Kadaver von etwas, das wohl einmal Bergziegen gewesen sein mussten, zerfetzt und ausgeweidet, wie von wilden Bestien gerissen.
Um mich hoben sich die Waffen, als wir ohne Worte den Kreis bildeten. Spähend, wartend, hörten wir nur unseren eigenen Atemhauch unter dem vielstimmigen Gesang des Windes. Unbeteiligt starrten hoch über unseren Köpfen die steinernen Gesichter nach Osten.

In diesem Augenblick sprang er direkt vor mir auf ein mannsgroßes Monument, eine Keule aus Stein und Holz in der fellbehangenen Pranke. Nur für einen Atemzug sah ich seine massige, menschenähnliche Gestalt mit dem großen ziegenartigen Schädel auf mich niederglotzen. Dann sprang er mit ohrenbetäubendem Brüllen ab und mit ihm rauschte seine Keule auf mich hernieder. Es blieb eben noch Zeit, das Schild hochzureißen, dann traf auch schon der donnernde Hieb des Tiermenschen.
Der Hammer des Schmiedegottes hätte nicht verheerender auf mich niedergehen können. Mein Schild schallte wie ein Gong unter der Wucht der Steinkeule und ich brach in die Knie, den Schildarm taub bis in die Schulter. Schnee stob auf und flog mir ins Gesicht, halb blind duckte ich mich unter den Rundschild und tastete nach dem Schwert, das mir unter der Wucht des Hiebes entglitten war. Erneut krachte die Keule hernieder und schlug mir das Schild gegen den Kopf, das Sterne tanzten. In meiner Verzweiflung stützte ich nun das beschlagene Rundschild mit beiden Armen und befahl meinen Beinen, aufzustehen, doch meine tauben Glieder versagten den Dienst. Wie aus weiter Ferne hörte ich hinter mir Gebrüll und Kampfeslärm, Schnee flog überall auf wie ein weißer Sturm. Wieder rauschte nun die Keule heran, streifte unter den Rand meines Schilds, seine Lederbänder gaben nach und es wirbelte davon wie ein Herbstblatt im Sturm. Die Macht des Schlages warf mich vollends nieder und die Bestie, halb Mensch, halb Tier schrie ihren Triumph auf mich herab.

Fortsetzung folgt…






Wächter im Berg - Teil 2back to top

Gleich seiner Keule traf mich der Schrei wie ein Hammerschlag, der stinkende Atemdampf warf Geifer und Aas in mein Gesicht. Benommen kroch ich weg von dem Monstrum, als seine Keule erneut in den Himmel stieg. Hoch schwang sie ins tiefe Blau des Abends und mir blieb nichts, als halb gelähmt zu ihr aufzublicken. Da ging ein Schatten über mein Gesicht und mit schwerem Klang rauschte eine von Skjalfs Äxten heran und schlug der Bestie in den Schädel. Für zwei Atemzüge verhielten wir beide in Stille, dann stürzte der Tiermensch wie ein gefällter Stamm tot in den Schnee.

Mühsam zwang ich meine tauben Gliedmassen dazu, mich aufzurappeln. Drei weitere der Bestien lagen um uns erschlagen in tiefrotem Schnee. Der Atem meiner Begleiter ging schwer, aber ich sah keine Wunden.

„Ihr habt euch wahrlich Zeit gelassen, Herr Zwerg!“

„Hätte ich euren Strohkopf vielleicht mit spalten sollen, Menschling? Das nächste mal legt euch doch gleich nieder, dann seid ihr aus dem Weg.“

Die starke Hand des Zwergen packte zu und zerrte mich auf die unsicheren Beine. Wortlos reichte mir Joshua mein Schwert und die traurigen Überreste des Rundschildes. Mein beschämtes Lächeln erstarb, als erneutes Gebrüll ansetzte. Mit gehobenen Waffen fuhren wir herum, einen erneuten Angriff erwartend, aber nichts war zu sehen, nur die steinernen Fratzen der Skulpturen starrten uns an. Das Brüllen war jdoch immer noch zu hören, dumpf klang es und schien geradewegs aus dem Fels zu kommen. Skjalf zerrte seine Axt frei und wies zu dem steinernen Portal. „Sie kommen durch das Tor! Stellt sie an der Treppe, wenn sie erst ins Freie gelangen, sind wir tot!“.

Von der strengen Stimme des Zwergen gepackt, sprangen wir auf und setzten auf das Tor zu. Schier meilenhoch ragte es über uns an der Felswand auf und ich fragte mich, wie diese Wilden, so stark sie auch sein mochten, solch gewaltige Steinflügel bewegen sollten. Doch schon ging ein donnerndes Zittern durch das Tor, Frost und Staub fielen auf uns herab. Mit unirdischem Knirschen schob sich einer der großen Torflügel auf und durch den beginnenden Spalt strömten große Gestalten; stierköpfige Kreaturen, zwei Ellen größer als selbst Gunthar, aber doch fast menschlich; in ihren Pranken Äxte und Keulen aus Holz und Stein.

Zwei stürzten sofort, von Pfeil und Bolzen gefällt und rollten sterbend die Steintreppe hinunter. Dann waren die anderen heran, Gunthars Axt schwang aus und biss in Fleisch und Knochen. Ich duckte mich unter dem Hieb eines der Stierköpfe und rammte ihm das Schwert in seine offene Seite. Mit gurgelndem Schrei zog er mich im Sterben mit sich und wir schlugen beide auf die Treppe, noch einmal tanzten Sterne vor meinen Augen. Erneut ging ein Donnern durch das Portal und es begann sich weiter zu öffnen; dröhnend schrammten die Torflügel über den Fels und schoben Schnee und Unrat beiseite.

Der Kampf erstarb für einen Atemzug, wie erdrückt vom Donnern der gewaltigen Torflügel. Schneller und schneller schob sich das Tor auf und schließlich erblickten wir die Kraft, die es bewegte. Nie hatte ich bislang einen Riesen zu Gesicht bekommen und so lag ich starr vor Entsetzten auf der blutgetränkten Steintreppe. Groß wie ein Turm ragte die Gestalt im Tore auf, ihre mächtigen Arme schwollen als sie die Torflügel aufstemmten, die selbst hundert Mann nicht hätten bewegen können. Wilde Augen glommen zwischen schwarzem Bart und Schopf auf uns hernieder und so barbarisch sein Anblick auch schien, so war doch zu spüren, wie alt und mächtig dieses Wesen war.

„DIEBE!“.

Waren wir Menschen auch gelähmt von der Erscheinung und dem Wort, das sie in unserer Sprache ausgestoßen hatte, so ließ sich der Zwerg nicht beirren. „Deine Henker, Lördir! Lange bliebst du ungestraft! Heute empfängst du den Zorn der Söhne Urgrims!“ Der Blick des Riesen ging voll Hass auf den Zwerg hernieder. Die uralten Feinde starrten sich einen Herzschlag lang an, dann stürmte der Riese brüllend durch das Tor.

Der Berg selbst erbebte unter seinen donnernden Schritten und vom zuckenden Fels hochgeworfen, glitt ich hilflos die steinerne Treppe hinab. Für einen Augenblick verdunkelte sich der Himmel, als der Riese über mich hinweg schritt und Kreaturen sowie seine Skulpturen zermalmend durch den Schnee auf den Zwerg zudonnerte. Mensch wie Bestie warfen sich gleichermaßen vor seinem blinden Zorn zur Seite, als er, haushohe Schneewehen aufwirbelnd, vorüber stob. Nur Skjalf wich nicht. Der Zwerg hatte seinen Rucksack abgeworfen und griff hastig nach der schweren Axt auf seinem Rücken.

Eben hob sich die Faust des Riesen, um den Zwerg zu zerquetschen, als Skjalf die Axt schleuderte. Mit aller Macht seiner starken Arme warf er sie dem Riesen entgegen und das Doppelblatt wirbelte, flimmernd im Abendlicht wie ein stählerner Schmetterling, in Lördirs Gesicht. Ein erstauntes Raunen entrang sich der Kehle des Giganten. Als wollte er ein lästiges Insekt verscheuchen, fuhr er mit seiner wagengroßen Hand an die blutende Stirn. Dann begann er zu stürzen, in einem endlos langen Augenblick fiel er wie ein morscher Turm erst schwankend, dann immer schneller nach vorne. Skjalf sprang fort von dem drohenden Unheil und lief, doch die Hand des Riesen öffnete sich noch im Sturz, ergriff den fliehenden Zwerg und schloss sich mit dem donnernden Aufschlag des sterbenden Giganten für immer um Skjalf.

Für einen Moment herrschte Schweigen. Die große Wolke aufgewirbelten Schnees zog mit dem Wind nach Osten und mit leisem Rascheln rann Staub vom geöffneten Tor herab. Dann wurde Knurren und Schnauben um uns laut, als die Tiermenschen ihre Starre abzuwerfen begannen. Wir blickten uns für einen Atemzug lang an und jeder las im Blick des anderen das gleiche. Unsere Reise hierher war zu Ende, nichts hielt uns mehr an diesem Ort. Mochten noch so viele Schätze in der Grabstätte des Drachenfürsten liegen, hier blieb als Preis nur der Tod. So griffen wir Waffen und Habseligkeiten und begannen zu laufen.

Durch den tiefen Schnee stoben wir halb rennend, halb rutschend talwärts. Die Bestien waren dicht hinter uns, brüllend und fauchend. Sie bewegten sich schneller durch den Schnee als wir und bis zur Brücke hatten sie uns fast eingeholt. Eben noch erreichten wir das steinerne Band und liefen über den schwindelnden Abgrund so schnell uns unserer schneeschweren Stiefel tragen wollten. Unsere Verfolger zögerten und als der erste von ihnen die Brücke betrat, verhielt Caele und erschoss ihn. Mit einem Pfeil im Schädel stürzte der massige Körper des Tiermenschen schweigend hinab ins Dunkel.

Keine der anderen Bestien betrat danach mehr die Brücke und wir erreichten unbehelligt die andere Seite. Während meine Gefährten weiterliefen, wandte ich mich um und blickte zu den Bestien hinüber. Sie stiegen den weißen Hang wieder hinauf; kehrten zurück zu der Grabstätte, die sie zu ihrem Heim gemacht hatten. Als ungerufene Wächter würden sie den Schlaf des letzten Drachentöters und seines Baumeisters bewachen, bis der Wind der Zeit die Berge selbst abgetragen hat. Unsere Spuren werden verblassen und mit ihnen die Erinnerung an uns und das was geschehen war. Doch die Wächter werden immer noch dort sein.
Nordwind strich die Hänge herab und brachte frischen Schnee.

Lev Shakir „Kreuzwege“





Die Lanze der Königeback to top

Es ging ein stürmischer Wind an jenem Tag. Er wirbelte das Herbstlaub des alten Waldes auf und peitschte mit Böen kalter Luft die gewaltigen Bäume zu einem wogenden Meer aus herbstlichem Gold. Ihr rauschendes Geäst ließ flimmernde Strahlen der gelben Spätsonne über die Rüstungen der Angreifer tanzen, als fordere es die finsteren Gestalten zum Reigen auf. Schwärme rotgoldenen Laubes umflogen die Marschierenden, und es schien, als feiere der Wald selbst die Prozession der Triumphatoren. Wir warteten.

Sie traten aus dem Wald und blieben stehen. Meine Augen wanderten ihre Reihen entlang, die dort am gerade geforsteten Rand des Waldes standen und über den Turnierplatz hinweg unsere Stadt musterten, die sie noch vor dem Licht des neuen Tages eingenommen haben wollten. Von Nord nach Süd spannten sich ihre Reihen, Schulter an Schulter, eine Flut aus Eisen und Stahl, die sich bald auf uns ergießen würde. Der Wind trieb ihre Banner aus und in langen Bändern flogen die Farben der Rebellen über den Köpfen ihres gewaltigen Heeres. Der graue Wolf des Hauses Wulfgar, die Feder der Iskander, das weiße Axtbanner Hallits und im Kern des Heeres das purpurne Band mit dem schwarzen Schild des Hauses Utran, mit dessen Mannen ich einst Seite an Seite gekämpft hatte. Wenige waren noch hier, um die Königin zu schützen, in Blau und Gold rauschte das letzte königstreue Banner über unseren Köpfen in der Abendsonne. Nur ein Haus war der Königin und dem alten Reich Nortander geblieben. Die Leonidar waren so weit mit ihren Herren marschiert, sie würden der Linie der Könige folgen, ins Exil oder in den Tod. Wie es schien, hatte sich die Königin für den Tod entschieden. Wir warteten.

Mit einem Hornklang kamen ihre Reihen in Bewegung. Unter grollendem Stampfen setzte sich das Heer in Marsch und strömte aus dem Wald heraus auf die flachen Wiesen des Turnierplatzes. Ein Signalruf erklang unten auf dem ersten Wehrgang und sprang über die drei großen Wehrmauern am Hang des Alenn Gor nach oben, welche die Festung und Stadt der Könige schützen sollten. Um mich hoben sich die Armbrüste der Schützen. Bald würde das Warten ein Ende haben.

Das anschwellende Stampfen tausender von Stiefel rollte wie der Trommelschlag unserer Hinrichtung zu uns herauf. Unwiederbringlich rückte unser Tod mit jedem Schlag näher, nur noch die Würde auf dem Richtblock würde uns bleiben. Dann kam der erlösende Ruf und mit Singen und Fauchen hob sich die schwarze Wolke unserer Armbrustbolzen von den Wehrmauern, stieg hoch in den Abendhimmel, um dann wie ein Schwarm gieriger Insekten auf unsere Gegner niederzustürzen. Selbst in der windigen Höhe der dritten Mauer vernahm ich das vielstimmige Prasseln der Bolzen, mit dem sie in die Panzer und Schilde der Angreifer schlugen. Kein geringer Preis würde es sein, den sie zu zahlen hatten. Als eben der neue Ladebefehl kam, erklang eine Stimme unwirklich laut über dem Schlachtfeld.
„HALT!“

Dem donnernden Befehl folgend, verhielten sowohl wir als auch unsere Angreifer. Stille kehrte ein, nur das Rauschen und Knallen der Banner im Sturmwind mahnte uns der bevorstehenden Schlacht.

Eine Gestalt trat vor die Reihen der Rebellen. „Weib eines toten Königs, Männer Leonidars hört mich an!“

Isamo Tahar, Zauberer der Schule von Westbrandt, einstiger Berater des Königs und die Fackel, die unser Reich in Brand gesetzt hatte, breitete in scheinbarer Güte die Arme aus. So kurz vor seinem Sieg wagte er nun sein Gesicht zu zeigen und sein Lächeln brachte uns bitteren Zorn, die wir seine Handschrift nur zu gut kannten.
„Hier und heute stehen die Männer eines geteilten Reiches gegeneinander! Es ist an euch, Weib, diese Schlacht zu beenden und die Wunde in eurem Land zu heilen!“
Nur das Rauschen der Banner klang ihm als Antwort.

„Euer Gemahl ist tot und mit dem Ende eures Sohnes ist die Blutlinie der Imperatoren ausgelöscht! Gebt den Thron frei, eure Familie ist nicht mehr!“
So mancher Blick aus unseren Reihen wandte sich nun nach oben zur königlichen Burg und dem steinernen Vorbau, von dem aus der König zum Volke gesprochen und auf dem die Königin lange Nächte der Rückkehr ihres Sohnes geharrt hatte. Doch er war und blieb leer.
Wieder schallte die Stimme des Magiers.
„Wollt ihr, dass eine Frau euch regiert, Nordmänner? Eine Frau ohne imperiales Blut, alt, schwach und gebrochen?“.
Stumm starrten wir auf ihn hernieder.
„Nun gut, ich werde euch die Machte zeigen, die würdig ist, dieses Reich zu beherrschen. Keine Drachentöter regieren euch mehr. Drachenherrscher werden es sein!“

Schon mit dem Klang seiner Worte erblickten wir den Schemen vor der Sonne und die Ahnung des Nahenden sank bleischwer auf uns hernieder. Mit weit ausgebreiteten Schwingen glitt die gewaltige Echse aus dem rotgoldenen Himmel, groß wie eine Festung, seinen schwarzen Leib voller Schrammen und Narben. Es war ein alter Drache und in seinem Flügelschlag klang das Donnern der Jahrtausende. Über dem Heer der Rebellen verhielt er seinen Flug und jeder Schlag seiner mächtigen Schwingen ließ eine schwefelige Bö über die Wehrmauern rollen. Wir alle spürten das Alter jenes Geschöpfes und seine bloße Gegenwart schien uns schon auf die Knie zwingen zu wollen. Ehrfurcht und nackte Angst hielten uns in Starre.
Ein Raunen ließ mich aufblicken.

Die Königin war ans Licht getreten. Einsam stand sie auf dem steinernen Podest an der Wand der Königsburg und ihre große, schlanke Gestalt strahlte in weißem Gewand wie das Licht des Mondes. In ihrer Hand lag die Lanze der Könige, jene gewaltige Waffe aus den Zeiten der Drachentöter, die kaum ein Krieger auch nur heben konnte. Doch die schmale, weiße Hand der Königin hielt sie fest und sicher als wöge die Waffe nicht mehr als ein Halm. Ihr Blick war klar und brannte hell und hart wie ein Stern.

Langes, fahles Haar und Gewand wehten im Sturmwind wie ein weißes Banner, als die Spitze der großen Lanze nach unten sank und die Königin auf ein Knie niederging, das Haupt geneigt vor dem alten Drachen. Nicht unwirklich laut, aber hell und klar tönte ihre Stimme von der Burg.
„Wirst du mir verzeihen, Herr der Lüfte? Wirst du vergeben, was geschehen muss?“.

Jede Unze Stein, jeder Zoll Stahl und jedes Mannes Herz erzitterte mit der machtvollen Stimme des Drachen, die mit dem Gewicht der Zeitalter und dem Schmerz endloser Einsamkeit wie fernes Grollen aus allem um uns zu dringen schien.
„Und wirst du mir verzeihen, Herrin der Sterblichen, was ich unter dem Joch des Bannes auf euch niederbringen werde?“.

Keine Antwort erklang, nur einen Atemzug Schweigen. Dann schwang der Kopf des Drachen hernieder und eine feurige Lohe fuhr aus seinem Rachen. Ihr glutroter Strom brandete die Wehrmauern entlang und verzehrte, wo er traf, Holz und Fleisch in einem Augenblick. Schreiend brachen unsere Reihen auseinander und der Flammenstrom zog weiter, vernichtend und brennend, höher bis zur Burg und der einsamen Frau, die dort kniete. Mit ihren schlanken Armen hielt sie die gewaltige Lanze empor und wie von Geisterhand teilte sich der Flammenstrom am Schaft der alten Waffe. So lange der Drache sein Feuer auch auf die Königin einströmen ließ, er konnte den alten Zauber der Waffe nicht brechen, während um sie der Stein der Burg zu schmelzen begann.

Schließlich versiegte der Feuerstrom und der Drache stieß mit einem Brüllen hernieder. Seine Klauen griffen in die Mauern und zermalmten Stein, Rüstung und Fleisch wie morsches Holz. Peitschende Schwingen warfen uns nieder und die Mauern begannen unter dem Gewicht zu bersten. Die Echse krallte sich in die Wehr und ihr gewaltiges Maul schoss auf die kniende Königin zu und packte sie.

Hin und her warf der Drache die schlanke Gestalt und schleuderte sie schließlich nach oben, wo ihr Körper gegen den harten Stein der Burgmauer schlug und zu stürzen begann. Längst mussten die Zähne des Drachen und der Schlag gegen den Stein ihre die Knochen zerschmettert haben, doch noch immer hielten ihre schmalen Hände den Schaft der Lanze umfasst. Und im Fallen, als ihr Körper auf das steinerne Podest und die Fänge des Drachens zustürzte, bog sich ihr schlanker Leib und mit aller Kraft schleuderte sie die riesige Lanze in den Rachen der Echse, bevor sie auf den Stein schlug.

Mit einem Gurgeln löste sich der Drache von der Mauer. Keuchend sandte er einen Schauer tiefroten Blutes über die Wehr und zwei Schläge seiner gewaltigen Schwingen trugen ihn rückwärts und hinaus vor die Stadt. Im Blick der alten Echse schien es, als würde Demut und Schmerz von ihm genommen und mit einem Raunen, das fast wie Erleichterung klang, stürzte der sterbende Drache in die Tiefe und begrub seinen einstigen Meister und die Heerführer der Rebellen unter seinem Leib. Wie die Wogen in einem Teich strömte die Armee der Angreifer auseinander und erstarrte dann führerlos und verwirrt.
Wir alle blickten nun hinauf zu dem Stein, auf dem der zerschlagene Leib der Königin lag. Dann, allem Denkbaren zum Trotz, regte sie sich und ein Aufschrei ging durch die Heere als sie sich erhob. Langsam richtete sie sich auf, Zoll um Zoll kämpfte ihr Wille den zerschlagenen Körper nach oben, bis sie wieder aufrecht über uns stand und ihr weißes Haar im Wind flog. Keine Worte hatte sie für uns, noch für die Angreifer, nur ihr sternheller Blick maß uns alle.

Da ging ein Donnern durch die Heere, als Schwerter, Lanzen, Banner und Schilde zu Boden fielen und es wie eine Welle durch die Massen brandete, als Getreue wie Rebellen vor der Königin auf die Knie sanken. So knieten an jenem Tag schweigend Zehntausende der Waffenträger des Nordreiches vor ihrer rechtmäßigen Herrscherin. Die Linie der Drachentöter war wieder hergestellt, doch auch ohne die Traditionen würde es kein Fürst jemals wieder wagen, gegen den Willen jener ersten Königin Nortanders aufzubegehren.

Selbst die Zwergengarde der Halliten und unsere verbündeten Elfen neigten an jenem Tag Knie und Haupt vor der Sterblichen, deren Wille den Drachen, den Schmerz und den Tod selbst bezwungen hatte.

Angar Arandir „Taube und Sperber“






Der 6. Traumback to top

Der sechste Traum: Rot

Nachttiefe Schemen krochen am Rand meines Blickes durch das räucherige Halbdunkel der Kemnate. Sie webten ihr Gespinst aus Angst in meinen Geist und versprachen flüsternd, was kommen musste. Ich suchte, dem Traum zu entfliehen, der mich erwartete; aufzuspringen aus den sauren Laken; doch Angst lag wie Eis in meinen Adern und drückte mich in die schwüle Bettstatt. So lag ich nur erstarrt und umklammerte meine gefrorene Seele, bis endlich der Hufschlag erklang und es von neuem begann.

Rotes Dämmerlicht atmete um mich, wie das Innere eines schwelenden Leibes. Gestank von Fäulnis und Blut würgte meine Kehle und Hitze biss in mein taubes Fleisch. Ein Rauschen, Schnauben und Brüllen war zu hören, dumpf und fern aber allseits und fortwährend wie der Klang eines gewaltigen Feuers.
Nun klang ein Schluchzen aus dem roten Nebel und ich erblickte ein Mädchen in rotfleckigem Hemd, nicht weit entfernt im Halbdunkel, kauernd über einem blutbedeckten Vogel, der dort lag. Wieder schluchzte sie und ihr Wimmern schnitt in mein Herz. Ich strecke den Arm, wollte sie umfangen und trösten, doch Krallen schlugen in mein Fleisch und zerrten mich weg. Hunderte Gliedmaßen umschlangen mich wie Gewürm und ihre Klauen zerrten mir das Fleisch von den Knochen und meinen Körper hinab auf den Boden zu, der sich auftat wie eine blutige Wunde. Aus dem Dämmerlicht wucherten Gestalten, blitzten Fänge wie Eisendolche und schälten sich Körper monströs und entstellt wie ein Hohn auf die Ordnung des Natürlichen. Über all dem lag ein Atem von Hitze und Blut, schwer wie Öl und doch berauschend in seinem Versprechen von Macht und Tod.
Weiter strebte ich nur dem weinenden Kinde zu, ihr Trost zu spenden und mich festzuhalten an dem Funken Menschlichkeit, den ich zu erblicken glaubte. Da fuhr sie zu mir herum und ich erblickte ihr Antlitz, starrte in leere Höhlen aus denen blutige Tränen über milchigweiße Wangen ronnen. Ihr Wimmern ward nun kein Weinen mehr, sondern ein irrsinniges Kichern, das zwischen blutigspitzen Zähnen aus ihrem kleinen Rachen drang. Sie griff mein Haar und zwang meinen Blick zu Boden.
Dort kroch der Vogel und ich wurde gewahr, dass ich mich selbst sah, die graue Taube meiner Seele, das Gefieder schwer vom erbrochenen Blut zerfleischter Träume, alt und schwach, in sinnlosem Reigen der Vergänglichkeit gefangen. Nun schrieen Kind und Bestien um mich auf, wie in grausamem Hohn über mein erbärmliches Dasein. In jenem Augenblick wollte ich mit ihnen schreien, wollte mein altes, graues Fleisch verlassen und, so wie sie, stark und unsterblich nur noch den Gelüsten des Fleisches frönen. Denn hier waren alle Götter, jeder einzelne ein Gebieter über Lust und Tod.
Doch noch glomm in mir Aonirs Stern, ein feiner Nadelstich der Hoffnung und des Glaubens, der mich meiner Menschlichkeit gemahnte. Als sie nun meinen Zweifel erkannten, spieen sie voll Abscheu auf mich hernieder, schlugen ihre Klauen und Fänge in mein Fleisch und begannen ihr Mahl, dessen Grausamkeit ich wachen Geistes nicht zu berichten vermag. Schließlich warfen sie meinen zerrissenen Körper wie achtlos beiseite und ich stürzte.

Dem blutigen Schoß der Erde fiel ich zu, durch endlose Schächte, zwischen schmalen Brücken aus rotem Fels hinab und immer während hinab. Gewaltige Ketten aus dunklem Eisen spannten sich neben mir in die Tiefe, die schwarzen Glieder mit rostigen Haken bedeckt an denen die Körper der Verdammten über dem endlosen Schlund in ewigem Leid angeschlagen sind. Und ich sah die rote Horde, wie sie aus dem glühenden Abgrund nach oben kroch. An den Felstürmen aus der ewigen Tiefe klommen sie empor, wie ein nicht enden wollender Strom aus roten Leibern. Ein Strom, der wie ein Geschwür unter dem Antlitz der Welt nach oben quoll, und geifernd brüllten sie in ihrer Gier nach Fleisch und Seelen. Die Glut der Erde entflammte meinen zerfleischten Leib und wie eine schreiende Lohe stürzte ich an Abertausenden von ihnen vorbei weiter in die Tiefe, nur noch betend um die Gnade des Todes.

Dann riss der Hufklang mich endlich davon und zurück in die rauchschwere Enge meiner Kammer. Aber erst als der graue Tag anbrach und die Kehle wund und heiser war, verstummte mein Schrei, dessen Erinnerung noch heute den Wahnsinn in meinen Geist zu treiben sucht.

Ishtar Magnus „Sieben Träume“



Exilback to top

Der Morgen brach an. Wir hatten den Sonnengläubigen ihren erbärmlichen Schlaf gegönnt und Kraft im Gebet gesammelt, bis die Strahlen der Morgensonne die Ruinen der heiligen Stätte beschienen. Nun war die Zeit für ihre Hinrichtung gekommen.
Ich kniete auf einem Mauervorsprung und blickte auf das Lager der Lichtanbeter unter mir. Es waren Menschen, allerdings keine Soldaten diesmal. Sie sahen eher aus wie Späher oder Diebe, in ihrem abgerissenen Leder und mit ihren schlechten Waffen. Die Morgennebel zogen im goldenen Licht in dicken Schwaden wie Geister zwischen den Ruinen dahin und die Menschen kauerten sich frierend an ihrer schmauchenden Lagerstatt zusammen. Der Gestank ihrer ungewaschenen Körper und ihrer Angst raubte mir selbst auf meiner hohen Wacht fast den Atem. Ich richtete mich auf, um meinen Dienern das Zeichen zu geben, und sprang unter sie.
Das Gewicht meines Panzers vergessend wirbelte ich unter ihnen, meine beiden Klingen blitzten und ihr dampfendes Blut flog um mich auf wie roter Nebel. Leicht und schnell biss das gleißende Mondsilber meiner Schwerter durch ihre erbärmlichen Panzer und ihr stinkendes Fleisch. Sie waren so schwach, gelähmt durch sinnlose Angst und Verwirrung, dass ich fast zornig wurde. Ich habe einen guten Kampf immer dem bloßen Gemetzel vorgezogen, doch diese hier ließen sich schlachten wie Vieh. Die verzerrten Gesichter huschten durch meinen Blick und ihre Schreie mischten sich mit dem Reißen ihres Fleisches. Bald stand nur noch ein letzter der Gruppe auf seinen Beinen und ich besann mich meiner Pflicht. Mein Schwert hielt an seinem Hals inne und er gefror vor Schreck, starrte mich mit seinen wässrigen Augen über das blutige Silber der Klinge an und atmete mir seine Angst ins Gesicht. So standen wir starr für eine Weile, während um uns die Sterbenden zu Boden sanken.
„Dracon!“
Shain Tal´ach, der Kriegsherr meines Gefolges, schritt aus dem Nebel. Seine gepanzerte Faust krallte sich in den schwarzen Schopf eines mageren, schmutzigen Elends von Menschenfrau die haltlos ihre Furcht hinausheulte.
„Diese hielt sich in den Ruinen verborgen.“.
Ich nahm die Klinge vom Hals des Mannes.
„Legt sie in Ketten. Alle beide.“.
Der Kriegsherr ließ die Frau los und rief seine Anweisungen. Sofort stürzten die beiden Menschen zueinander, umarmten sich, pressten ihre schmutzigen Gesichter aneinander und sanken weinend auf die Knie. Meine Männer wandten ihre Augen ab, voller Abscheu über diese schamlose Zurschaustellung von Schwäche. Der angewiderte Blick meines Kriegsherren wanderte weiter, über die Ruinen hinweg, nach Osten, wo in den Hallen aus Obsidian die Zeremonienmeister auf uns warteten.
„Nur zwei Opfer für heute Nacht. Der Archon wird erzürnt sein.“.
Ich starrte auf die Lagerstatt der Menschen, nur ein paar Dolche, wenig Nahrung – ein Bild des Jammers.
„Es muss genügen. Diese waren keine Krieger, nur Bauern oder Flüchtlinge. Sie starben einfach zu schnell.“.
Dann blickte ich auf das heulende Bündel aus Mensch vor meinen Füssen und suchte in mir nach der Abscheu, die meine Leute so innig empfanden. Aber da war nur ein fremdes, eigenartiges Gefühl, das ich zu jener Zeit weder begreifen konnte noch wollte. „Treibt sie an, die Nacht fällt schnell zu dieser Jahreszeit!“.

Wir erreichten die Stadt als es bereits dunkel war. Ohne uns zu reinigen, schleiften wir die Opfer weiter, hinein in die große Halle, wo man bereits auf uns wartete. Wir schritten zwischen den Reihen unserer Angehörigen hindurch, tief ging unser Atem von dem schnellen Marsch und nur mühsam hielten wir den Rhythmus der schweren Röhrenglocken, die zu unserem Einzug geschlagen wurden. Unter der hohen Decke der Halle zog sich unsere Prozession endlos hin, gesäumt von dem Wall aus schweigenden Gesichtern, gespiegelt im glänzenden Boden aus Obsidian. Meine Frau nickte mir aus der Menge zu und ich erwiderte respektvoll ihren Blick, aber dennoch fühlte ich mich so fehl an diesem Platze mit meinem schmutzigen Panzer und den blutverkrusteten Waffen, als wäre ich schon selbst ein Barbar.


Der hohe Archon erwartete uns am Ende der Halle unter dem kreisrunden Fenster, in das eben die silberne Scheibe des Mondes einzog. Das kalte Licht unseres Herren erschien als glänzender Strahl und ging hernieder auf den Archon und das gewaltige Buch der Sermonen, das auf seinem Gestell aus Silber dort lag. Das Licht strahlte so hell, es schien die weißen Seiten des großen Buches zum Glühen zu bringen und ein unwirklicher Lichthof umgab das Schriftwerk und die reine Haut des Archonen, der seine gespreizten Finger darauf stütze. Dies war die heiligste Stunde, die hellste des vollen Mondes. Das Murmeln von Gebeten schwebte wie ein Nebel aus Lauten in der Halle.
Mein Kriegsherr ging an mir vorbei und warf sich vor dem Archonen auf den spiegelnden Obsidian. Neben mir sanken meine Männer gleichsam ehrerbietend zu Boden, nur ich blieb stehen, wie es mir zustand.
„Der Dracon Craig Un´Shallach tritt mit Opfergaben vor den hohen Archon!“.
Der Archon schritt hinter dem Buch hervor. Die lange Robe umfloss seine schmale Gestalt und schien an seinen Füssen mit dem Obsidian des Bodens zu verschmelzen. Sein Blick maß uns und seine harten Züge straften uns still für das unwürdige Opfer.
„Du bringst schlechte Opfer, Dracon.“
Dann blickte er mich an und in unseren Augen rang der alte Streit der Kasten, den die meinige schon vor langer Zeit verloren hatte. Ich schwieg und mit einem unsichtbaren Lächeln kehrte er sich ab.
„Der Mann zuerst.“

Erwartungsvoll raunte die Halle als der Archon die linke Hand über dem angstverzerrten Gesicht des Menschen ausstreckte. Er grub die Nägel seiner Rechten in die Fläche der Linken, öffnete sein Fleisch in drei schwarzen Striemen und dunkle Blutstropfen fielen aus den Wunden des Archonen auf das starre Gesicht des Menschen. Zuerst verharrten sie dort wie schwarze Perlen. Dann geschah es, wie so viele Male zuvor – die schwarzen Tropfen zuckten und glitten nach links und rechts, Beine sprangen hervor und wandelten die Tropfen in schwarze Spinnen, eine Heerschar gieriger Boten unseres Herrn, die sich sofort in das Fleisch des Menschen fraßen. Kreischend wand sich der Sonnenanbeter, während der Archon mit geruhsamem Wohlgefallen über der Qual seines Opfers wachte.
„Dein Fleisch wird vergehen, als Preis deiner Götter für ihren Frevel! Dein Blut soll fließen als Zeichen deiner Schwäche und unserem Herrn zur Freude!“.
Ich blickte hernieder auf das, was ich schon so viele Male gesehen hatte und wartete stumm auf das Ende. Stumpf suchte ich in meiner inneren Leere nach Freude und Genugtuung, doch ich konnte sie nicht finden. Ich sah die Augen der Menschenfrau, jenen letzten Blick, mit dem sie ihren sterbenden Mann ansah, ein Blick in dem all die Kraft ihrer sinnlosen Gefühle lag, durchdringend wie ein Dolch in seinem Schmerz und tief wie die allmächtige See der Trauer.
Ich war wie gelähmt von jenen Augen. Dann, wie im Traum zog ich eine meiner Klingen und schlug dem schreienden Mann den Kopf vom Rumpf. Ein schneller Schritt, und auch die Frau sank mit durchtrennter Kehle zu Boden.

Ein Tosen und Raunen flutete durch die Halle und ich spürte die ungläubigen Blicke meiner Männer. Der Archon taumelte, schier benommen vom Frevel meiner Tat.
„Was habt ihr getan?“.
Verwirrt suchte ich nach einer Antwort auf etwas, was ich mir selbst nicht zu erklären vermochte. Wie von einem anderen Ort erklang meine Stimme, stark und kalt. „Es waren nur Bauern, ihr Opfer entwürdigt diese Halle.“.
Schweigen sank herab und ich blickte mich um. Da stand ich, meinen Panzer mit dem Blut der Sonnengläubigen verklebt und man erkannte mich nun als das, was ich war: ein Zweifler, bereits von den Lichtbetern gezeichnet, befleckt mit dem Mal ihrer Schwäche. Ablehnung floss wie eine Woge aus Eis durch die Gesichter der Menge und ich stand allein.

Doch der Archon lächelte sein feines, unsichtbares Lächeln. Ich war ein Herr meiner Kaste und unantastbar für ihn, aber in jenem Augenblick hatte ich ihm meine Macht vor die Füße geworfen.
„Betet, Brüder und Schwestern! Möge er Zorn des Silberwebers an uns vorübergehen!“.
Ich schickte mich an zu gehen, immer noch benommen von meiner Tat, hoffend, dass nicht kommen würde, was doch unvermeidbar folgen musste.
„Dracon!“
Ich verharrte.
„Ihr scheint eurer Aufgabe überdrüssig und nicht mehr gewachsen zu sein.“
Er sprach die Formel, es waren nur Worte, kein Zauber, aber genauso gut hätte er mich in die Feuer des Barga Gor beschwören können.
„Ihr sollt eine neue Aufgabe erhalten. Ihr werdet unsere Festen in Urgath aufsuchen, dort wird man neue Herausforderungen für euch bereit halten.“.
Nun war es ausgesprochen. Langsam wandte ich mich um zu ihm.
„Exil?“.
„Es ist eine weite Reise. Ihr brecht am besten sofort auf.“

Es blieb nichts mehr zu tun, noch zu sagen. So schritt ich weiter, ging stumm auf die hohe Pforte am Ende der Halle zu und mit jedem Schlag meiner gepanzerten Stiefel, schien die Menge weiter auseinander zu weichen, als fürchteten sie mich und die Krankheit der Schwäche, die mich befallen zu haben schien.
Die Sklaven mit den vernähten Mündern packten die Griffe und begannen das große Portal für mich zu öffnen. Ich wandte den Blick meiner Gemahlin zu, die stumm in der fahlen Wand der Gesichter stand. Ich suchte in ihren Augen die Kraft dieses letzten Menschenblicks, doch ich fand sie nicht, weder dort, noch in meinem eigenen Herzen.
So neigte ich nur stumm das Haupt vor ihr, wandte mich um und ging durch das Portal, fort aus der Halle und aus meiner Heimat.

Aus den Schriften des Craig Un´Shallach




Herbstlichtback to top

Der leichte Wind ergriff die faltigen Rosenblüten und trieb sie über die schwielige Fläche meiner Hand. Von dort stiegen die sterbenden Blätter im warmen Wind des lauen Abends auf, flogen über die weiße Balustrade, um sich einzureihen in den Wirbel der tiefroten Blüten, die über den Dächern von Talindar tanzten.
Die Abendsonne fiel noch eben über den Rand des Schachtes ein und ließ eine Seite dieser seltsamsten aller Städte rot erglühen. Von den Baumeistern der Zwerge war sie für die Imperatoren errichtet worden, deren Reliefs die Mauern der Stadt schmückten – strahlend weiße Paläste, Tempel und Balustraden, verschachtelt und verbunden mit Treppen und Brücken an den Wänden dieses riesigen Schachtes. Ein großes Kunstwerk aus weißem Stein, dem das Auge nicht zu folgen vermochte. Wohl eine Meile tief erstreckten sich die labyrinthartigen Bauten verspielt an den Wänden des Abgrunds. Vom Rand des Schachtes rannen die gebändigten Ströme des Vajarsees in vielerlei kunstvoll gerichteten Kanälen und großen Wasserfällen durch die Stadt nach unten. Ihre beständig aufsteigende Gischt bildete einen sanften Nebel über dem Abgrund, der in der Abendsonne warm erglühte. Und überall waren diese Gärten voller prächtiger Rosen, dunkel und kräftig in ihrer Farbe, ihr Duft der beständige Odem dieses alten Ortes.
Jene Rosen waren das einzige, was von der Blüte dieser Stadt geblieben war. Seit Generationen war sie nun ein Grab, ein einsamer, rätselhafter Ort, der in stillen Nächten von alten Zeiten wisperte. Mein Blick wanderte zurück zu den zitternden Blättern auf meiner Hand.
„Sie sterben.“
Urgrim, König und Priester, stieg mit dem ruhigen, beständigen Schritt der Zwerge an mir vorbei, die weißen Stufen nach unten.
„Deswegen sind wir hier, Mensch. Komm jetzt!“
Die anderen Zwerge stapften nur schweigend an mir vorüber, ihre schweren Panzer und Äxte schienen düster und unheilvoll an diesem lieblichen Ort, der doch so tödlich sein konnte. Nur Skarvig, ein Hallite aus Windholme, der mir mehr verbunden war als seine schweigsamen Brüder aus den Grimwargbergen, kniete neben mir nieder und seine gepanzerte Hand umschloss eine der dunklen Blüten.
„Mit Drachenblut genährt. Ihr Rot ist das tiefste und reinste, sie blühen für viele Generationen. Nur Böses kann sie verderben.“
Ich blickte in das graubärtige Antlitz des Zwergen.
„Wartet Böses dort unten auf uns?“
„Nein.“
Der Zwerg richtete sich auf und schulterte die Axt.
„Es wartet nicht! Es kommt zu uns. Heute Nacht.“

Als wir eine große Treppe am Fuße einer der Hallen erreichten, blieb Urgrim stehen. Die Augen des Zwergenkönigs wanderte prüfend über die Stufen. Von hier aus konnte der Blick frei über das Labyrinth aus Treppen und Brücken nach unten schweifen, hinab bis in die nebelige Tiefe, die mittlerweile im Dunkeln lag. Der König setzte den Kopf seiner schweren Axt nieder und nickte.
„Wir werden sie hier erwarten. Bringt das Gepäck in die Halle.“

Wir taten wie geheißen. Schweigend verrichteten um mich die Zwerge ihre Arbeit, reichten sich ihre Bündel weiter und verschnürten alles was nicht zum Kampf benötigt wurde. Kein unnötiges Wort klang in der staubigen Halle. Diese Krieger hatten schon vor vielen Menschenleben in unzähligen Kriegen gekämpft, sie alle wussten um der nahenden Schlacht und dem Tod, der von dort unten zu uns herauf kroch. Wer nichts zu arbeiten hatte, prüfte seine Waffen oder kniete zum Gebet.
Skarvig war es schließlich, der auf mich zutrat.

„Du hast uns gut geführt Mensch. Doch nun geh, Urgrim wird es verstehen.“
Ich blickte auf die schweigenden Zwerge und Urgrim der dort hinten bei den anderen zum Gebet kniete. Rechtes Knie und Faust zur Huldigung Bjarnes auf den steinernen Boden gestützt, das Haupt gesenkt, war der alte König still wie eine Statue. Das letzte Licht des Abends drang durch das Tor der Halle hinein und fing sich in den feinen Verzierungen seines Panzers und den silbernen Haaren seines Bartes, so dass seine dunkle Gestalt mit glitzernden Punkten übersäht war, gleich einem Sternenmeer. Uralt und beständig wie ein Berg wirkte der Zwergenkönig und selbst in jenem demütigen Moment ließ die Macht der Jahrhunderte, die in seinen Schultern und Armen ruhte, mich schwach und unwürdig erscheinen.
„Ich bleibe.“
Der Blick des Halliten maß mich lange unter grauen Augenbrauen.
„Du weißt nicht, was dich erwartet. Aber gut, mach dich bereit, sie werden bald hier sein.“

Brok nickte. Der Wächter war von der Treppe aus in die Halle getreten und blickte stumm in die Runde. Rasselnd erhoben sich die Zwerge und griffen nach Axt und Schild. Ich folgte ihnen durch das alte Tor auf den Vorplatz. Nur noch letzte Strahlen glutroten Lichtes drangen von den Dächern am oberen Rand des Schachtes. Tief unter uns kroch etwas die Stadt hinauf, ein wirbelnder Strom aus Grau, der über die Treppen und Brücken nach oben strömte. Die Zwerge schlossen schweigend ihre Reihen und standen wie ein eherner Keil, Urgrim an ihrer Spitze.
Das Grau kroch weiter und unter dem Regen der roten Blüten sah ich nun die Masse an Kreaturen, die zu uns herauf strömte. Reißende Fänge in grauem Pelz fletschten sich uns entgegen, als eine Hundertschaft von Wolflingen die Treppen erklomm, übereinander springend und kletternd, Keulen, Dolche und kurze Speere in den Klauen. Ich legte einen Schaft auf die Sehne.

Urgrim hob mit lauter Stimme zu Singen an. Sein machtvoller Bass schlug an wie eine große Glocke und bald stimmten die anderen Zwerge mit ein. In ihrer donnernden Sprache sangen sie ihre Huldigung an den Schmiedegott und ihre Ahnen den heranstürmenden Kreaturen entgegen. Schon wankte der Ansturm der Wolflinge, zaudernd wichen die ersten vor dem Ehrfurcht gebietenden Klang aus dem stählernen Wall der Zwerge. Doch die hinteren Reihen drängten vorwärts und bald brandete die knurrende Flut die letzten Stufen hinauf. Ich schoss zweimal, sah meine Opfer stürzen, dann war die Horde heran.

Mit dem Krachen von tausend Schmiedehämmern schlug die graupelzige Horde gegen den Wall der Zwerge wie ein Schiff gegen die Klippen der Eisenmark. Ihr Ansturm zerschellte an den Schilden, wurde gespalten an den Äxten und die Wucht der nachstürmenden Reihen warf die Wolflinge auf und über den Keil der Zwerge wie eine berstende Wellenfront. Äxte und Hämmer rauschten machtvoll und mit sicherem Schwung durch ihre Mitte, schleuderten Waffen und Körper zerschmettert zur Seite.
Ungeschützt vom Wall der Zwerge floh ich zum Eingang der Halle, suchte meinen Rücken zu schützen und erwehrte mich mit Bogen und Dolch so gut es ging. Doch für jeden Wolfling, den einer meiner Schäfte zu Boden warf, strömten drei neue auf mich ein und bald sah ich nur noch das Blitzen von Fängen und Waffen.

Dreimal ließen sie von uns ab und dreimal kehrten sie wieder. Erst als der Morgen die Dächer Talindars rot zu färben begann, zogen sie sich zum letzten mal zurück, doch nicht hinab in die Tiefen der Stadt, sondern nur einen Steinwurf entfernt, am Fuße der Treppe blieben sie stehen und starrten wartend zu uns herauf. Ich kauerte an der Wand der Halle, den Dolcharm rot bis zur Schulter, den Köcher leer, den Bogen zerschmettert. Neben mir lehnte Brok, als würde er nur einen Moment rasten, doch war er so tot wie Gundar, Durin und Graurung, die in ihrem Blute auf der weißen Treppe lagen.
Urgrim hielt immer noch die Spitze, er war keine Handbreit gewichen, doch war sein Panzer vielerorts durchdrungen von den Speeren und Klingen der Wolflinge. Sein Atem ging ruhig, aber es klang in jedem Zug bereits das Rasseln des nahenden Todes und blutiger Schaum quoll ihm in den weißen Bart. Die anderen Zwerge hatten die Reihe geschlossen und warteten auf einen neuerlichen Angriff. Und endlich erschien die Kreatur, deren Ankunft die Zwerge erwartet hatten – die der eigentliche Quell für dieses Gemetzel war. Im Licht des Morgen schritt sie gemessen über die weißen Treppen der Stadt zu uns hinauf, von den ewig fallenden Blütenblättern begrüßt. Sie verhielt am Fuße der großen Treppe.

Eine monströse Gestalt war es, bedeckt von rotem Fell, der Schädel eines großen Wolfs, die langen Klauen und Fänge glitzernd wie Schwertklingen, die Augen wie aus schwarzem Feuer. Böses wehte uns entgegen, denn dies Wesen war ein Schandfleck unter dem Licht der Welt, ein Geschöpf aus Hass und Zorn, das keinen Platz hatte unter der Ordnung der Dinge. Ich versuchte mich aufzuraffen, zwang meine schwachen Knie zum Dienst, als Urgrim dem Wesen bereits allein entgegen ging. Über die blutüberströmten Stufen schritt er hinab, der Schild glitt von seinem Arm und er nahm die Axt in beide Fäuste. Wispernd wichen die Wolflinge auseinander, als der König vor die riesenhafte Kreatur trat. Schon fuhren die Klauen des roten Wolfes nach vorne, um den Zwerg in tödlicher Umarmung zu zerfleischen, doch Urgrims Axt blitzte auf, schneller als Auge und Gedanke zu folgen vermochten, schwang sie empor und rauschte in die Brust des Monstrums. Die Klauen erstarrten im Schlag und die Kreatur stand reglos ohne einen Laut.
Der König riss seine Axt frei und eine Sichel schwarzen Blutes stieg in den Morgenhimmel. Der Rote wankte zurück, das Gewicht seines Leibes zerbrach ein weißes Geländer und dann stützte der gewaltige Körper des Monstrums hinab, vorbei an Palästen und Brücken, hinein in den Nebel am Fuße der Stadt.
Urgrim wankte, hustend spie er eine letzte Wolke aus Blut. Noch einmal riss er seine Axt empor und schrie den Namen seines Gottes mit seinem letzen Atemzug. Hin und her sprang der Schrei von den bleichen Wänden der Stadt um uns und hallte vielfach wieder aus den Fensterhöhlen und Torbögen und tausende gefallener Könige schienen den Ruf mit anzustimmen. Da wandten sich die Wolflinge und flohen, stürzend und krauchend hinab, fort von dem Zwerg und seiner unheimlichen Stimme, immer weiter in die Tiefe. Mit dem letzen Hall des Rufes stürze schließlich der alte Zwergenkönig und schlug tot auf den blutigen Stein.

Skarvig sprach als einziger in der einkehrenden Stille.
„Es ist getan, die Rosen werden wieder blühen und sie kann wieder ruhen. Bahrt die Toten auf, wir ziehen ab!“
Stumm folgte ich den Kriegern, verständnislos ob des Geschehenen, aber zu schwach um meine Stimme zu erheben.

Erst als der Abend hereinbrach erreichten wir unter der Last der Toten den Rand des Schachtes und blickten über freies Land. Dem seltsamen Ort entkommen, fand ich nun endlich den Mut, Skarvig zur Rede zu stellen.
„Sie? Wer ist sie?“
Der alte Schmied lächelte sein graues Lächeln.
„Der König hat seine Tochter sehr geliebt.“
Auf meinen verständnislosen Blick hin fuhr er fort.
„Wisse Mensch, nur wenig Frauen werden unter dem Volk der Zwerge geboren. Und jene sind Wesen von solch Schönheit und Zerbrechlichkeit, dass tausend Krieger für sie in den Tod gehen würden. Das Volk Bjarnes ist ein sterbendes Volk.“
Er blickte zur Linie des Horizonts, wie als warte dort ein alter Feind auf ihn. „Die Tochter des Königs liebte diesen Ort, jede Nacht träumte sie von den Rosen. Urgrim konnte ihr Unglück nicht ertragen.“
Ich stand starr. Keine Schätze, keine alten Feindschaften.
„All das, wegen dem Traum eines Weibes?“.
Skarvig blieb stehen und blickte mich an. Der Spott in seinem Blick galt nicht nur mir, sondern all uns Menschen in unserer Habsucht und Narretei.
Ich blickte hinunter auf meine Hand und sah die dunkelrote Blüte, welche die gepanzerte Faust des Zwergen dort hineingebettet hatte. Dann wandte der alte Schmied sich um und schritt gleichmäßig unter dem Gewicht von Axt und Rüstung hinter den schweren Gestalten seiner Brüder her, über den schmalen Damm dem Westen zu.

Der Abendwind ergriff die Blätter der Rose auf meiner Hand und wirbelte sie hoch und davon, dem goldenen Licht der sterbenden Sonne entgegen.


Angar Arandir „Winterzeit“



Das finstere Uferback to top

Das Trommeln hatte aufgehört. Wie auf ein Signal hin blieb die Kolonne stehen.

Warmer, stinkender Regen wusch über unsere Gesichter, als wollte er uns ertränken, und der fleischige Morast schmatzte, als unsere Stiefel darin versanken. Dieses Land fraß an uns, seit wir den ersten Fuß darauf gesetzt hatten; es fraß unsere Körper, unseren Willen und unseren Verstand. Das Land Urgath schlang uns wie eine große widerliche Kröte in sich hinein, nur um unsere Überreste auszuspeien, in hohem Bogen über den Ozean, von wo wir hergekommen waren. Dorthin, wo wir hingehörten.

Ein Blitz fuhr quer über den Himmel und beleuchtete die Baumlinie vor uns. Dort lag der Dschungel wie ein atmendes Geschwür, sein süßlich fauler Hauch war überall, rann mit dem Regen in unsere Münder und haftete an Kleidung und Körper wie ein Fluch. Das Trommeln hatte geendet, der Dschungel war verstummt. Alles wartete auf den Kampf.

Wieder zuckte ein Blitz, und ich blickte zu den Kameraden um mich herum, sah ihre Gesichter im fahlen Schein des Lichtbogens, starr vor Erschöpfung und Angst. Als der Donner schließlich grollte, umfing uns wieder Schwärze, und danach klang nur noch unser Keuchen unter dem Rauschen des Regens. Der Dschungel, der uns umgab, blieb still. Wieder sprang ein Blitz über den Himmel, und für den flüchtigen Lidschlag der Helligkeit sah ich die massige Gestalt vor uns zwischen den Bäumen: Den aufgedunsenen Körper, die überlangen, knorrigen Arme, den hässlichen Schädel und die gewaltige Keule, die sie in der Klaue hielt. Dann kehrte die Schwärze zurück.

Trolle.
Wie ein Fluch ging der Name durch unserer Reihen. Keiner der Offiziere sagte ein Wort, keine Rufe nach Ruhe und Ordnung waren zu hören. Wir waren nur noch ein zusammengedrängter Haufen Angst, längst wissend, dass der Dschungel uns heute Nacht als Beute nehmen würde.

Der Morast erbebte unter dem nahenden Ansturm, erst leicht, dann rhythmisch wie schneller Herzschlag. Ich weiß nicht, ob die erste Reihe überhaupt ihre Speere gesenkt hatte, aber die kurzen Schäfte unserer Waffen konnten gegen das, was uns erwartete, ohnehin nicht viel ausrichten. Wir waren nur Seesoldaten, keine Landsknechte. Schließlich waren die Bestien da, wie ein Donnerschlag der Erlösung.

Mit ohrenbetäubenden Bersten brachen die Trolle in unsere Linie, und die Macht ihres Ansturms drückte unsere Leiber zusammen wie Schafe im Gatter. Sterne tanzten vor meinen Augen, als der Helm eines Kameraden mein Gesicht zu zerquetschen drohte. Verzweifelt kämpfte ich gegen das nasse Eisen und rang im strömenden Regen nach Atem. Vorne in der Dunkelheit erklang das krachende Geräusch der riesigen Trollkeulen und das Geschrei unserer sterbenden Kameraden. Wie Vieh standen wir dort, schreiend, ineinander verkeilt, erwarteten den sicheren Tod.

Ein weiterer Blitz schoss über uns hinweg und offenbarte nochmals unsere Gegner. Es waren nicht viele Trolle, aber sie gingen durch unsere Reihen wie Schnitter durchs Korn. Die Anführer mit den ledervernähten Gesichtern peitschten ihre Gefolgsleute in unseren Speerwall hinein, trieben sie unerbittlich und ohne Unterlass mit ihrem baumlangen Kettenpeitschen vorwärts. Die Keulen der Trolle fuhren wieder und wieder unter die Menschen, zermalmten Waffe und Mann, schleuderten die Unsrigen wie Puppen nach rechts und links auseinander. Eben noch rauschte einer der Frontmänner schreiend über unsere Köpfe hinweg, dann fiel wieder die Dunkelheit.

Ich rammte den Schaft meiner Waffe in den Morast, um nicht unter der Woge der Leiber begraben zu werden. Durch die Dunkelheit kam das Krachen und Bersten immer näher, und ich konnte die Schreie der Trolle hören, ein viehisches Gebrüll, gleichermaßen voll Wollust und Blutgier. Da wurde der Helm meines Kameraden mit einem Krachen aus meinem Gesicht gerissen, und ich stand frei in der Dunkelheit. Blind und zitternd vor Angst hob ich meinen Speer, die Spitze fand Widerstand.

Ich stieß zu.

Ohrenbetäubendes Gebrüll warf mich fast nieder, und im Schein eines neuerlichen Blitzes sah ich, was mein Speer getroffen hatte. Wie ein Turm ragte er über mir auf. Sein grauer Körper war in grob genähtes Leder gehüllt, und aus seinen wassertriefenden Flanken standen geborstene Speerschäfte ab. Längst hätte das Leben ihn verlassen müssen, zumal nun mein Speer tief in seiner Brust stak, doch der Schrei des Trolls war nur voller Wut, denn weder Schmerz noch Todesangst kennen diese Bestien. Für den flüchtigen Augenblick der Helligkeit starrten wir einander an, und er brüllte mir all seinen Zorn und seine Wildheit ins Gesicht, dann fiel die Finsternis erneut. Seine Keule traf mich, fegte mich zur Seite wie lästiges Geschmeiß und sandte mich in hohem Bogen durch die Nacht. Für einen Moment spürte ich verwundert den Luftzug, wusste nicht mehr ob der Lage von Himmel und Erde, dann empfing mich der faulige Morast und mit ihm die gnadenvolle Schwärze der Ohnmacht.

Ich erwachte von einem allumfassenden, dumpfen Donnerklang, der den Morast unter meinem zerschlagenen Körper zum Zittern brachte. Ein neuer Tag hatte in Urgath begonnen, das blutrote Band des Sonnenaufgangs verglühte die schwarzen Sturmwolken am Horizont und umstrahlte den dampfenden Umriss des Urwalds wie eine dämonische Aura. So schienen die verwachsenen Baumriesen, die wuchernden Klumpen der Schlingpflanzen und all die widerwärtigen Augen, denen sie Heimstatt boten, an jenem Morgen von unheiligem Glühen gesäumt, als erstrahle das Land selbst zufrieden ob des blutigen Mahles, das es in der Nacht erhalten hatte. Aus den grünlichen Tümpeln, die der Regen in der Nacht gebildet hatte, ragten hier und da noch die zerschmetterten Körper meiner Kameraden heraus. Ich war allein, umgeben nur von jenem Donnern, das über allem lag. Mühsam hob ich den Kopf aus dem Schlamm, suchte nach dem Ursprung des Klanges. In jenem Moment brachen sie um mich herum aus dem Dickicht, groteske Schemen vor dem Glutband des Sonnenaufgangs. Hunderte waren es, hunderte und aberhunderte stürmten an mir vorüber, ein Heer von Trollen in vollem Lauf, und ihre Ansturm ließ die Erde wanken. Stumm und tatenlos lag ich dort, als Schemen um Schemen durch den aufsteigenden Morgendampf knurrend und fauchend an mir vorbei jagte, hinunter nach Westen. Das Fort war verloren, unsere Reise in dieses verfluchte Land endgültig zu Ende.

Dann brach etwas Gewaltiges, etwas Widerwärtiges aus dem Geäst. Sein Anblick, den ich heute nicht mehr zu beschreiben vermag, zwang mich auf die tauben Füße und fort ins Dickicht, vor jener Kreatur und dem Schrecken dieses Ortes fliehend. Doch während ich blindlings durch das Dickicht taumelte, war etwas immerzu bei mir, höhnisch und unerbittlich, wie ein fauliger Atem in meinem Nacken. Und seit jenem Tag verfolgen mich zu jeder Zeit und überall hin die Bosheit und Abscheu dieses finstersten aller Lande.

Jon Dundwer „Urgath“










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